Berufsschule

Einleitung

Das Verhältnis zur Berufsschule ist für die meisten Auszubildenden von einer Art Hassliebe geprägt. Auf der einen Seite steht gechillter Unterricht im Warmen, Ausfallstunden, spätes Aufstehen und früher Feierabend. Auf der anderen Seite hat man Faschos, Notenzwang, extrem stumpfen Unterricht und ausgebrannte Lehrer und Lehrerinnen. Im folgenden Artikel sind ein paar Infos zusammengestellt, die für die Berufsschulzeit nützlich sein können. Da Bildung Ländersache ist, können wir bei vielen Punkten nur auf die länderspezifischen Stellen verweisen, die euch nützliche Infos geben können. Es lohnt sich auf jeden Fall da nachzuforschen. In einigen Ländern kann man sich zum Beispiel komplett von allgemeinen Fächern befreien lassen, wenn man eine schulische Vorbildung hat. Noch eine Erfahrung: Die Lehrer*Innen sind nicht unbedingt parteiisch mit dir, noch sind sie automatisch empathisch und können sich in deine Lage hineinversetzen. Oft sind sie vielmehr ausgebrannt und desinteressiert. Erwarte deswegen nicht zwangsläufig Wissen oder Hilfe von ihnen, die dich wirklich in deinem Betriebsalltag abholt. Die Gewerkschaft ist da meistens fitter.

Berufsschulpflicht

Laut Berufsschulbildungsgesetz muss dich der Betrieb für die Berufsschule „freistellen“. Das heißt, du musst hingehen und nicht arbeiten. Wenn der Firma dann einfällt, dass du doch lieber in der Firma helfen sollst, liegt es an dir, ob du dem nachgehst. Du kannst das mit deinem Klassenlehrer besprechen, der kann dich dann freistellen. Du kannst das aber auch so mit ihm deichseln, dass deine Teilnahme am Unterricht zwingend erforderlich ist. So einfach, wie es sich manche Chefs vorstellen, dass sie dich anrufen und dann hast du zu springen, ist es nicht. Wenn es gar nicht geht, sprich mit der Gewerkschaft oder der Handwerkskammer. Insgesamt darfst du laut § 6 Abs. 3 der Verordnung über die Berufsschule nur max. zwei Tage im Berufsschuljahr vom Betrieb aus der Schule rausgeholt werden.

"Ich wollte in der Berufsschulzeit in den Urlaub fahren. Zuerst dachte ich, das kann ich wohl vergessen, aber nach einem Antrag bei der Schule wurde ich in einen anderen Block geschoben und konnte in den Urlaub fahren. Klar, dass die freigestellte Zeit Betriebszeit war und von meinen Urlaubstagen abgezogen wurde." 

Berufsschulzeit

Die Berufsschulzeit wird in der Regel zu hundert Prozent auf die Arbeitszeit angerechnet. Genaueres gibt es im Artikel „Ausbildungsvertrag/Arbeitszeit“.

Rechtlich ist es so, dass die Berufsschulzeit unter die offizielle Arbeitszeit fällt. Dass heißt, wenn du unentschuldigt fehlst, kannst du, wenn es hart auf hart kommt, eine offizielle Abmahnung bekommen. Wenn du davon zwei relativ schnell hintereinander zum selben Thema bekommst, bzw. mehrfach unentschuldigt gefehlt hast, kann dich dein Betrieb kündigen. Meist ist es aber nicht so dramatisch. Erst mal muss der Betrieb davon erfahren. Dazu muss die Schule anrufen und ihn in Kenntnis setzen oder er sieht dein Jahreszeugnis am Ende des Jahres. Viele kommen mit etlichen Fehltagen jedes Jahr durch die Ausbildung. Gerade wenn du trotzdem vernünftige Noten hast, interessieren sich die meisten Chefs nicht für die Berufsschule. Es hilft hier einen guten Draht zum Klassenlehrer zu haben. Wenn du zu viele Fehltage hast, kann es sein, dass dein Schuljahr nicht zählt. Wir sind noch dran rauszufinden, wie viele das sein müssen ;).

Wenn irgendwo fachspezifische Messen oder spannende Ausstellungen und Baustellen sind, lassen sich Lehrer*innen auch gerne für Exkursionen begeistern ;).

Kosten

Die Fahrtkosten bezahlt dir erst mal keiner, es sei denn du machst einen guten Deal mit deinem Chef. In der Berufsbeihilfe werden sie berücksichtigt (je höher die Fahrtkosten, desto höher das BAB). Auch kannst du sie später über die Einkommenssteuererklärung anrechnen, wenn du eine machst. Skills im Schwarzfahren oder Ticketfälschen kommen wahrscheinlich günstiger. Klassiker sind da zum Beispiel eine dünne Schicht Leim oder Labello auf die Stempelfläche zu tragen, dadurch kann man den Stempel später wieder abwischen. Gut sind auch Fahrgemeinschaften fragt mal rum, ein volles Auto ist meist günstiger als ÖPNV.

Dein Ausbildungsbetrieb muss dir laut Berufsschulbildungsgesetz Ausbildungsmittel kostenlos zur Verfügung stellen. Ob Bücher, Zeichenplatten und so weiter dazugehören wird unterschiedlich gehandhabt. Probieren kannst du es auf jeden Fall. Oft bekommt man Schulsachen auch günstiger von älteren Auszubildenden oder über ebay.

"Unsere Schule wollte, dass wir die neuen Schulbücher selber bezahlen. Da keiner von uns einen Fuchs über hatte, haben wir uns einfach geweigert und haben deswegen ältere Schulbücher für lau bekommen."

Wenn deine Schule weit von deinem Wohnort entfernt ist, kannst du vielleicht irgendwo Geld für die Fahrt oder eine Wohnung beantragen. Das ist aber auch in jedem Bundesland unterschiedlich.

Länderspezifika

In jedem Bundesland heißt die zuständige Behörde irgendwie anders. Wie sie bei dir heißt weißt du wahrscheinlich besser als wir. Wenn du willst, kannst du ein paar Punkte erfragen, die dir vielleicht das Leben in der Berufsschule erleichtern. Da wären zum Beispiel:

    - sich von allgemeinbildenden Fächern befreien lassen (wenn man eine schulische Vorbildung oder ähnliches hat. Leute die bilingual mit Englisch aufgewachsen sind müssen nicht am Englisch-Unterricht teilnehmen und so weiter). Kann aber sein, dass du die freigewordene Zeit dann im Betrieb verbringen musst, also Vorsicht! Zuständig ist hier auch oft direkt der oder die Direktor*in der Schule.
    - welche Noten darfst du haben, um trotzdem noch durch die Berufsschule zu kommen? 
    - wieviele Tage darfst du in der Schule fehlen um ein Jahreszeugnis zu bekommen?
    - wie ist der Notenschnitt in der Schule um die Prüfungen vorziehen zu können?

Schulformen

Prinzipiell kann der Unterricht in 3 verschienden Formen gegeben werden: im Block, in einzelnen Tagen oder als BGJ (Berufsgrundbildungsjahr). Welche Form du in deiner Ausbildung antreffen wirst ist meist regions- und gewerkssspezifisch. In Bayern ist das BGJ für Tischler_innen zum Beispiel "Pflicht".

Den Vorteil von einem abgeschlossenem BGJ sehen wir auf jedenfall darin, dass dir niemand diesen Abschluss mehr weg nehmen kann.

Abgangs- vs. Abschlusszeugnis

Wenn du zu schlechte Noten bekommen oder zu oft gefehlt hast, bekommst du vielleicht nur ein Abgangszuegnis und kein Abschlusszeugnis aus deiner Berufsschule. Du kannst die Ausbildung trotzdem abschließen wenn du alle Prüfungen bestehst. Dein Abschlusszeugnis wird kaum noch mal einer sehen wollen später, vor allem nicht wenn du zum Beispiel beim Probearbeiten geglänzt hast. Die genauen Reglungen dazu sind wieder länderspezifisch.  

Wenn du willst, du volljährig bist, dein Betrieb zustimmt und du aufs Zeugnis scheißt, kannst du die Berufsschule komplett kippen und trotzdem deinen Abschluss machen. Die Theorie-Prüfung musst du aber trotzdem abschließen.

Engagement

An der Schule kannst du dich wie an jeden anderen Ort politisch engagieren. Ob gegen Faschos, die leider in Berufsschulen für Bauberufe überdurchschnittlich präsent sind, oder gegen die Preise in der Mensa.

„Unsere Berufsschulklasse sollte in einer andere Stadt verlegt werden, weil wir angeblich zu wenige für eine eigene Klasse gewesen wären. Dadurch wären jeden von uns bis zu 70 Euro Fahrtkosten pro Woche entstanden, die wir nirgendwo wieder bekommen hätten. Wir haben schließlich dagegen Widerspruch eingelegt und Pressearbeit gemacht. In Zeiten, in denen immer von Auszubildendenmangel geschrieben wird, kam das gut an. Wir durften dann doch da bleiben ;).“

Infos: Studie – Rechtsextreme Einstellungen von Berufschüler*Innen (vor allem in Sachsen):
http://www.weiterdenken.de/sites/default/files/studie_rechtsextremismus_berufsschule_wd_v2.pdf

„Wir haben Naziaktivitäten an unserer Berufsschule dokumentiert und anonym an die Schulleitung geschickt. Gleichzeitig haben wir über die Schülervertretung in der Schulkonferenz ein Verbot von Thor Steinar – Klamotten durchgesetzt. Und am Ende konnten wir mit Fördermitteln noch eine Ausstellung über Nazis in Sachsen an unsere Schule holen und haben dafür auch noch einen Demokratiepreis bekommen, mit dem wir jetzt in der Schule Druck gegen Nazis machen können.“

Kein Werben fürs Sterben!

Kann gut sein, dass im Laufe deiner Ausbildung die Bundeswehr an eure Schule kommt. Dazu haben andere Leute schon gut gearbeitet. Wir verweisen darum weiter:
http://www.schule-ohne-bundeswehr-nrw.de/

Unterstützung

Wenn du Probleme hast mit dem Stoff in der Berufsschule hinterher zu kommen, kannst du dir über das Arbeitsamt Förderunterricht bezahlen lassen. Dies nennt sich dann ausbildungsbegleitende Hilfe (abH) und soll dir helfen das Ausbildungsziel zu erreichen. Dieses Angbot ist sowohl für dich als auch für deinen Betrieb kostenfrei. Du dafür nötige Zeit musst du nach Feierabend aufbringen.
http://www.arbeitsagentur.de/web/wcm/idc/groups/public/documents/webdatei/mdaw/mdk4/~edisp/l6019022dstbai389171.pdf

Unterforderung

Oft hört der Unterricht genau an der Stelle auf, an der es eigentlich interessant wird. Die Lehrer*Innen versuchen in der Regel einen Unterricht zu gestalten, bei dem alle mitkommen. Die die etwas schneller schalten und Kapazitäten für mehr haben, kommen dabei nicht auf ihre Kosten. Wenn dich noch weiter informieren möchtest kannst du nach Zusatzliteratur fragen. Etliche Ausbilder haben eine eigene kleine Bibliothek. Vielleicht kannst du dir auch weitergehende Aufgaben von den Lehrer*innen geben lassen. Auch über youtube-Tutorials kann man einiges lernen.

Hurra Hurra die Schule brennt

Zur Kritik am Schulsystem ist an anderer Stelle viel Gutes geschrieben. Wir verweisen hier gerne an die Genoss*Innen von Straßen aus Zucker:
http://strassenauszucker.blogsport.de/images/strassenauszucker10.pdf

„Unser Klassenlehrer ist ein wandelndes Stereotyp: Frauenwitze, Alleskönner, nichts ist zu hart für mich, alle anderen sind Schuld und insgesamt sind alle anderen dumm. Und das hat er auch raushängen lassen. Als er wieder einmal jemanden in der Klasse auf übelste Weise bloß gestellt hat, haben wir, mein Banknachbar und ich, ihn nach dem Unterricht darauf angesprochen. Er war erstaunlich einsichtig, weil er glaube ich selbst gemerkt hat, dass das Verhalten nicht zu einem erwachsenem Menschen passt. Er wurde deutlich sachlicher die nächsten Wochen und hat am Jahresabschluss in der letzten Stunde einen PC hingestellt, auf dem wir unsere Kritik anonym äußern konnten. Mal schauen was draus wird."

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